Diskriminierungssensible Sprache: Ein Leitfaden

Diskriminierungssensible Sprache

Sprache und Ausdruck schafft Wirklichkeit. Und wenn die aktuelle Wirklichkeit von historischen Diskriminierungs-formen und Ungleichheit geprägt wird, ist eine diskriminierungssensible Sprache für uns die logische Konsequenz. Das Ziel: Ungleichheiten abbauen! 
Hier kommt ein kleines Glossar!

Oft werden Themen, wie geschlechtergerechte Sprache oder neue (Selbst-)Bezeichnungen einer vermeintlich traditionellen Sprache gegenübergestellt. Dieses Narrativ beinhaltet die Annahme, es gäbe eine Essenz oder wahrhaftige deutsche Sprache. Das ist so nicht richtig! Jede Sprache auf der Welt ist und war schon immer beeinflusst durch äußere Umstände, historische Veränderungen und politische Entscheidungen. Man könnte also sagen: Traditionellerweise ist Sprache und Sprachgebrauch immer fluide und verändert sich ständig.

Sprachgebrauch gibt immer Aufschluss über Machtverhältnisse. Beispielsweise gelten in unserer Gesellschaft einige Worte als Schimpfworte, die eigentlich Bezeichnungen sind, wie z.B. „Jude", „behindert", „N-Wort", „Z-Wort",
„schwul", „Mädchen", „kindisch", „fett" …
Bei diskriminierungssensibler Sprache ist deshalb immer auch wichtig zu hinterfragen: Wer hat die Definitionsmacht? Wer trifft die Entscheidung zu bezeichnen? Sind es die Menschen selbst (das nennt man auch Selbstbezeichnung)? Oder sind es andere (auch Fremdbezeichnung genannt)?

Beispielsweise haben die europäischen Kolonialist*innen viele Worte für die Kolonisierten gefunden. Diese herrschten lange vor und galten als normal, als okay und legal, obwohl sie stark abwertend waren. Das gibt Aufschluss über eine entmenschlichende Machtdynamik: Die Kolonisierten konnten und durften nicht für sich sprechen. Auch wenn sich auch heute noch Rassismus in unserer Sprache wiederfindet, haben sich die Machtdynamiken so weit verändert, dass Menschen die Möglichkeiten für sich zu sagen: So möchten wir nicht benannt werden, auch weil diese Worte von einem entmenschlichendem System geprägt sind, z.B. das „N-Wort". Und sie finden andere Worte für sich, z.B. People of Colour (PoC) oder Black, Indigenous and People of Color (BIPoC). 

Auch Menschen mit Behinderung verwenden selbstbestimmt unterschiedliche Begriffe: Einige nennen sich „beeinträchtigt". Andere nutzen die Formulierung „Mensch mit Behinderung". Damit wollen sie zeigen: Ich bin ein Mensch mit vielen Eigenschaften, eine davon ist die Behinderung – aber ich bin nicht die Behinderung (sogenannte person-first language). Die Expertin im Bereich Disability Studies Rebecca Maskos* weist darauf hin: Erst wenn die beeinträchtigte Fähigkeit auf eine Barriere trifft, wird sie zur Behinderung. Würde es keine Barriere geben, wäre die Beeinträchtigung keine Hinderung an der Teilhabe. Menschen sind also nicht behindert, sondern werden durch Barrieren ge- bzw. behindert. Weniger um die Frage, ob richtig und falsch, sollte es darum gehen, verletzenden Sprachgebrauch zu reflektieren und gewählte Selbstbezeichnungen zu respektieren.

Das Sprache Wirklichkeiten schafft (oder verhindert) zeigt auch eine Studie* zu sexistischem Sprachgebrauch. Dabei bekamen 591 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren 16 Berufsbezeichnungen vorgestellt und gefragt: Was möchtest du später einmal werden? 
Zur Wahl standen männlich konnotierte Berufe (wie z.B. Maurer, Astronaut), typisch weiblich geltende Berufe (wie z.B. Kosmetikerin) und neutral codierte Berufe (wie z.B. Sänger). Während die Berufe in der einen Gruppe ausschließlich im generischen Maskulinum vorgestellt wurden („Ärzte heilen Krankheiten“), nannte die andere Gruppe die Berufe in binärer Form („Ärzte und Ärztinnen heilen Krankheiten“). Das Ergebnis war sehr deutlich: Mädchen konnten sich eher vorstellen, später einmal typische „Männerberufe“ auszuüben, wenn auch die weibliche Form genannt wurde.
Dieses Ergebnis lässt sich sicherlich auch auf genderneutrale Sprache übertragen.

Wir als Bildungsinstitut für inklusive Vielfalt sehen gerade in pädagogischen Settings hier eine Verantwortung. Denn Schulbildung aber auch andere pädagogische Settings sollten für alle sein!

Dem begegnen wir mit folgenden sprachlichen Maßnahmen:

 

Gendergerechte Sprache
Wir nutzen das Sonderzeichen Asterisk (*), auch Gender-Sternchen genannt, um das Hinweisen auf und Verbildlichen von Vielfalt jenseits der binären Geschlechternorm in unserem Sprachgebrauch zu ermöglichen.

Anstatt von gendern, sprechen wir auch von gendergerechter oder genderneutraler Sprache, da deutsche Sprache immer vergeschlechtlicht ist, meistens eben männlich (was als generisches Maskulin bezeichnet wird).

 

 

Antirassistische Sprache

Schwarz
Wenn das Adjektiv Schwarz im Kontext von Hautfarbe genutzt wird, schreiben wir es groß, da es auf eine politische
und soziale Position hinweist und nicht auf die tatsächliche Hautfarbe. Der Begriff Schwarz wurde von People of Colour selbstermächtigend angeeignet und wird als Selbstbezeichnung verwendet – auch um darauf hinzuweisen,
dass Rassismus existiert.
 

weiß
Wenn sich das Adjektiv weiß auf Hautfarbe bezieht, schreiben wir es kursiv und klein, um die Konstruktion des Begriffs hervorzuheben. Weiß bezeichnet keine biologische Eigenschaft und damit auch nicht die Hautfarbe,
sondern ist eine politische und soziale Position, die mit strukturellen Privilegien und Dominanz verbunden ist.

 

 

Gendern von Juden*Jüdinnen
Um alle Menschen, die jüdisch sind, in ihrem Geschlecht anzuerkennen, sind nicht nur wir auf der Suche nach einer
genderinklusiven Schreib- und Sprechweise. Das ist aufgrund des „U/Ü" in der deutschen Bezeichnung etwas
schwierig: „Jüd*innen" ist grammatikalisch und inhaltlich eben nicht ganz richtig. „Juden und Jüdinnen" zu sagen
würde nicht-binäre, trans, inter und agender Personen, die jüdisch sind, exkludieren. Wir orientieren uns deshalb
an der Entscheidung des jüdischen Museums in Berlin, „Jude*Jüdin" zu schreiben – weisen aber darauf hin, dass sich manche Juden*Jüdinnen eine Schreibweise mit Doppelpunkt oder Gendergap wünschen, da das „Judensternchen" bei ihnen eine problematische Konnotation hat.

 

 

Anti-Fettfeindliche Sprache

dick_fett
Diese Schreibweise entspringt aus fettaktivistischen Kreisen und markiert einerseits ein Spektrum zwischen „dick" und „fett" und weist andererseits auf die angeeignete neutrale bis positive Selbstbeschreibung der ursprünglich
abwertenden Wörter hin.

 

 

 

*Maskos, Rebekka/Kaiser, Mareice (2024): »Bist du behindert, oder was?«. Kinder inklusiv
stärken und ableismussensibel begleiten. Berlin.

*Dries Vervecken, Bettina Hannover: Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy. In: Social Psychology Nr. 46 (2015), S. 76–92.

© Fotos und Illustrationen Bildungsinsitut für inklusive Vielfalt.
Alle Rechte vorbehalten.

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