GLOSSAR: DISKRIMINIERUNGSSENSIBILITÄT

  1. Was meint eigentlich Vielfaltsbildung?

    Mit Vielfalt meinen wir ein (positives) Verständnis von individuellen Unterschieden und gesellschaftlichen Ungleichheiten. Vielfaltsbildung findet aktuell vermehrt in einem gesellschaftlichen Diskurs statt, der Diversität ablehnend begegnet.
    Das Bildungsinstitut will deshalb aufklären, aber auch Ungleichheiten reflektieren und hinterfragen – in der Lehre, in den Klassen aber auch darüber hinaus.


  2. Wie kann man Ungleichheiten empathisch und respektvoll verstehen?

    Unser Ansatz fußt auf einer didaktischen Triade, angelehnt an Stefanie Nordts Lebensformenpädagogik. Auf der kognitiven Ebene (Kopf) steht der Wissenserwerb im Fokus. Lernen durch Erfahrungen und Sensibilisierung findet auf der reflexiven Ebene (Herz) statt. Kompetenzerwerb für diskriminierungsreflektiertes Tun wird schließlich auf der Handlungsebene (Hand) angeboten. Um ganzheitliches Lernen zu ermöglichen, verbindet das Bildungsmaterial diese Ebenen.
    Wenn die Auseinandersetzung nur auf einer der Ebenen stattfindet, kann Vielfaltsbildung auch nach hinten losgehen. Zum Beispiel: Kai kennt alle Neo-Pronomen. Aber hat Kai auch reflektiert, was Queerness für seine männliche Sozialisation bedeutet? Und fühlt er sich deshalb handlungssicher, wenn sich ihm eine Person als trans vorstellt?

    Unsere Bildungsangebote verbinden stets die drei Ebenen, um ganzheitliches Lernen zu ermöglichen.


  3. Was hat Vielfalt damit zu tun eine Haltung ein zu nehmen?

    Nach der Politologin Katharina Debus ist für Antidiskriminierung neben Wissen und Handlungskompetenz auch Haltung relevant. Man kann eine Haltung nicht auswendig lernen, wie eine geschichtliche Jahreszahl, Bundesländer oder eine Matheformel – dementsprechend gibt es auch nicht die eine didaktische oder pädagogische Zauberformel. Eine Haltung entsteht auf vielen Ebenen und braucht vor allem eines: Zeit und Reflexions- sowie Auseinandersetzungsmöglichkeiten. Folgende Orientierungs- punkte können bei dem Prozess unterstützen:

    1. Wissen erweitern
    Als pädagogische Fachpersonen können wir uns selbst fortbilden, Themen verstehen und Neues dazulernen.

    2. Handlungsoptionen ausprobieren und einüben
    Grundsätzlich ist damit gemeint, sich selbst handlungsfähig zu fühlen und Ungleichheiten in Lerngruppen aktiv abbauen zu können. Aber auch die Handlungskompetenz, bei diskriminierenden Äußerungen oder Materialien kritisch zu intervenieren, gehört dazu. Dafür ist ein methodisch-didaktischer Werkzeugkoffer wichtig.

    3. Haltung zeigen
    Die eigene Haltung nach außen zu zeigen ist ein wertvoller und wichtiger Bestandteil in der diskriminierungssensiblen Bildungsarbeit. Sie steht zwischen Wissen, Methodik und Didaktik und begleitet als Navigator und Sicherheitsnetz durch pädagogische Interventionen. Das Zeigen von Haltung, unabhängig davon wie präsent oder subtil sie ist, bietet Lernenden die Möglichkeit, durch Identifikation und Reflexion zu lernen und ihre eigene Haltung (weiter) auszubilden.

  4. Wie kann man Wissen vermitteln, sensibilisieren und ebenso betroffene Personen in der Lerngruppe bestärken?

    Informationsvermittlung
    Begriffe und Stereotype haben das Potenzial, Differenzen zu verstärken und Schubladen zu etablieren. Oftmals herrscht in Lernsettings große Unsicherheit im Gebrauch und im Umgang mit diversitätssensibler Pädagogik. Um Diskriminierungsmechanismen zu verstehen, braucht es Fachwissen. Dieses reicht von wissenschaftlichen Konzepten und Begriffen, hin zu spezifischen Informationen zu Lebensrealitäten diskriminierter Gruppen und deren Wechselwirkungen. Anhand dieses Basishefts wollen wir komplexe interdisziplinäre Theorien und Forderungen niedrigschwellig erklären, die aus der queeren Community kommen und inzwischen fachlich etabliert sind.

    Sensibilisierung
    Jugendliche mit strukturellen Diskriminierungserfahrungen sind statistisch gesehen Teil jeder Lerngruppe, sind damit aber nicht immer sichtbar. Das ist oftmals auf ein diskriminierendes Klima zurückzuführen. Nicht nur einzelne, sondern alle Menschen sind für Diskriminierungsabbau verantwortlich und sollten daher sensibilisierende Lernangebote bekommen. Diskriminierungsreflektierte Bildung kann die Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien und den Abbau von (unwissentlicher) Diskriminierung und Stereotypen fördern

    Empowerment
    Empowerment bedeutet in etwa Bestärkung oder Selbstermächtigung gegen Diskriminierungserfahrungen. Entgegen kursierenden Annahmen können Personen nicht durch andere empowert werden, sondern sich nur selbst ermächtigen. Es gibt dennoch Möglichkeiten, Personen im Prozess ihrer Selbstermächtigung zu unterstützen und zu begleiten. Bezogen auf Vielfaltsbildung kann das heißen, dass Informationen zu Vernetzungsmöglichkeiten und Beratungsstellen mit allen geteilt werden. Autobiografische Erzählungen oder diverse Identifikationsfiguren in Bildungsmaterialien sorgen nicht nur für Sichtbarkeit. Sie erfüllen auch eine Vorbildfunktion, wenn Angehörige diskriminierter Gruppen nicht nur einseitig als Opfer dargestellt werden, sondern auch ihre Ressourcen und Themen wie Lebensfreude sichtbar werden. Gleichzeitig sollte dabei nicht über Diskriminierung hin- weggetäuscht und die Situation beschönigt werden.
    Unter Einbezug der ganzen Gruppe können zudem Handlungsstrategien gegen diskriminierende Strukturen in der Bildungseinrichtung oder im Alltag gesammelt werden.

  5. Inwiefern kann Intersektionalität als Bindeglied zwischen Theorie und Praxis funktionieren?

    Die Theorie:
    Die Juristin Kimberlé Crenshaw hat den Begriff Intersektionalität maßgeblich geprägt. Erweiternd zu Erkenntnissen der Schwarzen Frauenbewegung in den USA stellte sie fest, dass Schwarze Frauen nicht den gleichen Rassismus, wie Schwarze Männer und nicht den gleichen Sexismus, wie weiße Frauen erleben – sie erleben eine eigene Form der Diskriminierung.

    Die Praxis:
    Alle Inhalte des BiV werden fortlaufend hinsichtlich der Wirkweise von sich überschneidenden Diskriminierungsmechanismen reflektiert und ausgerichtet. Was heißt das für die pädagogische Praxis?
    Zum Beispiel nicht Ungleichverhältnisse gegeneinander auszuspielen, Verschränkungen zwischen Diskriminierungs- und Privilegierungserfahrungen wahrzunehmen oder auch Menschen mit intersektionaler Diskriminierungserfahrung sichtbar und somit identifizierbar zu machen. 

Spahn & Wedl

Schule lehrt|lernt Vielfalt

Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Was tun gegen Diskriminierung an Schulen?

Debus & Laumann

Glossar zu Begriffen geschlechtlicher und sexueller Vielfalt

Crenshaw

Mapping the Margins: Intersectionality, Identity Politics, and Violence Against Women of Color
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